Mittwoch, 29. September 2010

Gut Rixförde

Das Gut Rixförde liegt etwas abseits der Landesstraßen 298 und 310 im Dreieck Fuhrberg, Celle, Hambühren inmitten eines alten Waldgebietes. Neben einigen alten Gebäuden sind im Laufe der Zeit auch neuere Häuser in Rixförde entstanden. Leider geben die ältesten Gebäude Rixfördes heute nur noch ein sehr jämmerliches Bild ab, da sie schon lange leerstehen und zusehends verfallen.
Hier soll insbesondere auf das ungewöhnliche Baudenkmal, das Teehaus, und auf das alte Gutshaus sowie die umliegenden Ländereien eingegangen werden. Sie haben eine interessante und abwechslungsreiche Geschichte zu erzählen.

Die Rixförder Straße führt geradewegs durch die kleine Siedlung mit einigen mehr und einigen weniger interessanten Gebäuden zur rechten und zur linken Seite. Der aufmerksame Beobachter verweilt vielleicht einige Minuten vor der Anlage des Reitstalls und auch vor dem ungewöhnlichen Gebäude schräg gegenüber. Sicher aber wird er seine Blicke auf das alte Gutshaus richten, das am Ende der Siedlung etwas zurückgesetzt zwischen alten Bäumen liegt.
Geht man dann die Straße weiter entlang Richtung Wald, so liegt einige Meter hinter dem Gutshaus, versteckt zwischen alten Bäumen und von der Straße kaum einsehbar, das alte Teehaus...


Das Teehaus

Am Rande eines idyllischen, mittlerweile völlig verwilderten Parks mit einem natürlichen Teich und alten Eichen liegt das wohl ungewöhnlichste Baudenkmal im Landkreis Celle: ein 1910/1911 erbautes Tee- bzw. Gartenhaus.


Erbaut wurde es vom bekannten Architekten Paul Eduard Schultze-Naumburg als „Gartenhaus auf Gut Rixförde/Celle“.


Zu erreichen war es über zwei Waldwege vom Gutshaus bzw. vom Teich (die sich auch heute noch erahnen lassen). Auf ovalem Grundriss steht der hohe, eingeschossige Bau, der verputzt ist und mit einem Kappendach geschlossen wurde. Er liegt sehr schön auf einer leichten Anhöhe unter alten Eichen.
Elke Gerhold-Knittel schrieb in ihrer Dissertation mit dem Titel „Die Rolle von Gartenhaus und Laube im neuen Garten nach der Jahrhundertwende“ (1971) über das Rixförder Teehaus folgendes:
[...] Das mehrräumig, anspruchsvolle Gartenhaus, das Schultze-Naumburg im Park des Gutes Rixförde bei Celle erbaute, betont ebenfalls einen geräumigen Saal mit Kamin, dem sich seitlich halbrunde Zimmer anschließen. An der Langseite erhellt ein großes, rechteckig geschnittenes Fenster, dessen Verglasung ganz versenkt werden kann, das Innere. Zwei runde Säulen unterteilen die große, breite Fensterfläche. Die halbrunden, seitlichen Räume erhalten ihr Licht durch Fenster mit Läden. Ein haubenartiges Dach aus Schiefer deckt das Gebäude. 
„Gartenhaus im Park des Gutes Rixförde“ aus:
„Bauten Schultze-Naumburgs“ von Rudolf Pfister
Die Formen dieses Gebäudes erinnern an Vorbilder aus dem späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert. So etwa an einen ovalen Pavillon, den Schultze-Naumburg in seinen Kulturarbeiten als „gutes Beispiel“ zeigt: Es ist ein zweistöckiges Gartenhaus, dessen oberer Gartensaal von der dahinterliegenden Terrasse betreten wird. Auch hier gestattet ein breites, großes Fenster Ausblick über die Landschaft. Besonderen Wert legt Schultze-Naumburg bei der Beschreibung dieses Gebäudes auf die günstigen Lichtverhältnisse hinzuweisen, die durch das einheitlich große, breite Fenster des Sälchens bei geschlossenen Seitenwänden entstehen. So wird seiner Ansicht nach der Blick in die Ferne konzentriert, gleichzeitig bereitet aber auch die „Sammlung des Lichtes durch eine Lichtquelle... Behagen und etwas wie geistige Sammlung im Raume aus“ ... „Der ganze Ort ist“, schreibt er weiter, „wie geschaffen zum Träumen und... für behaglichen Lebensgenuß“.
Auch bei seinem Rixförder Gartenhaus hat Schultze-Naumburg in ähnlicher Weise für behagliche Lichtverhältnisse im Inneren und für den ungestörten, konzentrierten Ausblick auf ein schönes Landschaftsbild gesorgt. Die genaue Beachtung der Lichtverhältnisse im Innenraum steht in engem Zusammenhang mit der neuen Erfassung des Raumkörpers. [...]
Das Teehaus im Jahr 2009

Der bedauernswerte Zustand das Teehauses im Februar 2012
Im Landkreis Celle ist dieses Gebäude einmalig, im Nachbarlandkreis Soltau-Fallingbostel gibt es noch zwei weitere, die allerdings auch genutzt werden. Das Rixförder Teehaus wurde zwar solide gebaut, es bietet heute aber einen tristen Anblick.

Wie Günter Ilper, der als Vorsitzender die Jägerschaft Celle von Rixförde aus führt, weiß, ist das Teehaus seit dem Krieg nicht mehr genutzt worden und droht zu verfallen. Innen im etwa 50 Quadratmeter großen Hauptraum mit Kamin (dessen Vorbild im Heidelberger Schloss steht) türmen sich ausrangierte und ramponierte Möbel.



Abbildung aus dem Heft „Innendekoration“ von Alexander Koch
(Juni-Heft 1921, Seite 172)
Diese Aufnahme entstand im Februar 2014 und zeigt den Kamin
im Teehaus fast vom gleichen Standpunkt wie auf der Abbildung zuvor,
Fotograf: Helge Gaudlitz  [Link zum Originalfoto]

Zur Parkseite (heute eine Pferdekoppel) sind die großen, durch zwei ionische Säulen unterteilten und bis zum Boden reichenden Fensteröffnungen ausgerichtet, und boten somit freie Sicht auf die schöne Landschaft. Heute sind die schützenden Jalousien teilweise herabgestürzt und erlauben den flüchtigen Blick ins dunkle Innere des Gebäudes.


Der Putz löst sich an vielen Stellen großflächig ab, auch die Gesimse bröckeln und hinterlassen klaffende Löcher. Das Dach ist teilweise undicht, so dass seit vielen Jahren Feuchtigkeit in das Gemäuer eindringen kann und dort enormen Schaden anrichtet.
An der Westseite des Teehauses ist ein Eingang in den Keller vorhanden. Wie ich erfahren habe, diente dieser angeblich während des Zweiten Weltkrieges auch als Luftschutzraum.


So ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses einmalige Baudenkmal komplett verfallen sein wird. Das ist extrem schade, denn man könnte sicher mit einfachen Mitteln zumindest den jetzigen Zustand erhalten, indem man das Dach und die Fenster abdichtet. So aber dringt unentwegt Wasser und Feuchtigkeit ein und richtet unwiederbringlichen Schaden an.



Wie ich erst kürzlich erfahren habe, sind Teehaus und ehemaliges Gutshaus Ende 2013 scheinbar verkauft worden. Jetzt kann man nur hoffen, dass dieser Schritt nicht zu spät gekommen ist, und dass beide Gebäude saniert werden können und damit erhalten bleiben. Ich werde das auf jeden Fall weiter beobachten!


Die Gartenseite des Teehauses im Januar 2014 | © Christian Adam


Das Gutshaus

Ob dem benachbarten Gutshaus das gleiche Schicksal bevorsteht? Der Hamburger Schiffsreeder Friedrich "Fritz" Leopold Loesener (1834-1903; verheiratet mit Crisca Sloman, 1841-1933) legte den Gutshof an. 1883 war das Jagdhaus als Kern des Gutshauses errichtet, 1888 wurde es erweitert. Einen letzten Anbau, westlich an das bestehende Haus, erhielt das Gebäude 1922.

Heute sind anscheinend die Besitzverhältnisse so kompliziert, dass sich niemand mehr verantwortlich fühlt bzw. die Kosten und Mühen scheut, um das Gebäude weiter zu nutzen.
Sicher ist hier ein extrem hoher Sanierungsaufwand zu leisten, der wird jedoch von Jahr zu Jahr steigen, sofern dieser momentane „Dornröschenschlaf“ noch weiter anhält.


Diese Postkarte aus dem Jahr 1910 vermittelt einen Eindruck des Gutshauses Rixförde, wie es zu Kaisers Zeiten bestand (noch ohne den 1922 erfolgten Anbau). 10 Jahre zuvor, im Jahr 1900, wurde das Gebäude zum Mittelpunkt des selbständigen „Gutsbezirks Rixförde“, welcher 1928 von Oldau eingemeindet wurde.
Der Teich (auf der Postkarte im Vordergrund zu erkennen) ist auch heute noch vorhanden, jedoch ist er sehr stark versandet und größtenteils zugewachsen. Die Vegetation erobert sich seit Jahrzehnten ihr Terrain zurück, so dass dieser Blick vom Teich zum Gutshaus heute kaum noch möglich ist.


Das Gutshaus ist seit Jahren unbewohnt und macht einen traurigen, aber immer noch imposanten Eindruck. Bleibt zu hoffen, dass dieses schöne Gebäude nicht ebenso verfällt wie das Teehaus in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.



Der ehemalige Hauptzugang zum Gut Rixförde

Gegenüber dem mittlerweile nicht mehr bewirtschafteten Gasthof „Heidjers Einkehr“ an der Landesstraße L310 in Allerhop befindet sich noch heute der ehemalige Haupteingang zum Gut Rixförde. Ein imposantes schmiedeeisernes Tor mit zwei großen Flügeln sowie einer einzelnen Tür, eingerahmt von zwei mächtigen Säulen auf denen große Kugeln ruhen - dies ist der steinerne Zeuge einer großen Vergangenheit des Guts Rixförde.


Der Landbesitz, der zum Gut gehört, ist riesig und erstreckt sich vom Süden der Siedlungsgrenzen Hambührens bis vor die Tore Wietzenbruchs und Fuhrbergs. Diese Gegend war lange Zeit eine der Hochwildjagden der Hannoverschen Könige, dann 1866 Teil des Königlich Preußischen Reviers.

Die Jagd war auch der Hauptgrund, weshalb der Hamburger Schiffsreeder Loesener 1882 die ersten Flächen des späteren Guts erwarb. Im Laufe der Jahre kaufte Loesener immer weitere Flächen dazu, so dass er bald einen Besitz von über 500 Hektar sein Eigen nennen konnte. Neben der Jagd begann Loesener auch Landwirtschaft zu betreiben und schuf Unterkünfte für Landarbeiter, Viehställe und eine Scheune.


In dem „Rückblick auf die Geschäftsjahre 1904-1907“ der „Naturhistorischen Gesellschaft zu Hannover“ finden sich verschiedene Hinweise auf die jagdlichen Ambitionen Loeseners. So ist hier folgendes zu lesen: „Schiffsrheder Loesener setzte Kreuzungen vom Rothirsch, Cervus elaphus L., und dem Wapiti in Rixförde bei Fuhrberg aus. Da die Brunft mit der des Rothirsches nicht zusammenfiel, schoss man die Blendlinge ab.“ Und weiter heißt es: „Zwölf sibirische Hirsche, deren Artzugehörigkeit nicht genau zu erfahren war, wurden von Loesener in Rixförde ausgesetzt, wobei ein Stück entsprang. Die Fremdlinge hielten sich gut, wurden aber nach Loeseners Tode abgeschossen.“ Aber Loesener versuchte nicht nur Großwild anzusiedeln: „In Rixförde wurden durch Schiffsrheder Loesener um 1901 mehrfach Schopfwachteln, einmal 30, ein anderes Mal 40 Stück, ohne Erfolg ausgesetzt.“ Und schließlich: „Loesener setzte 6 Perlhühner in Rixförde aus, ließ sie aber bald abschießen, weil sie zu sehr lärmten.“


Über Rixförde und Loesener findet sich in den „Erinnerungen aus meinem Leben“ vom Schweizer Anatom und Physiologen Rudolf Albert Kölliker (1817-1905) folgendes:

"Endlich habe ich noch eines lieben Jagdfreundes zu gedenken, des Herrn Fritz Lösener in Hamburg, den ich Ende der [achtzehnhundert] achtziger Jahre in Nervi kennen lernte und der mich, als er meine die Uhrkette zierenden Hirschgranen gesehen hatte, auf seinen Jagdsitz Rixförde bei Winsen an der Aller in der Lüneburger Heide einlud, eine Aufforderung, der ich noch im Herbste desselben Jahres Folge leistete. Ich fand da grossartige, eines berühmten Hamburger Rheders würdige Verhältnisse, zugleich aber auch in dem Jagdherrn und seiner Frau Criska geb. Sloman, sowie in deren Söhnen, Töchtern und Schwiegersöhnen eine durch Bildung und Liebenswürdigkeit hochstehende Familie, zu der ich mich von Jahr zu Jahr mehr hingezogen fühlte, so dass ich mich stets glücklich schätzte, wenn die Verhältnisse mir gestatteten, Rixförde zu besuchen."

Durch Zufall habe ich im Januar 2014 auf ebay dieses Ölgemälde entdeckt, das vom Maler Emil Zschimmer im Jahre 1894 wohl für seinen guten Freund Loesener angefertigt wurde. Abgebildet ist ein „Schwarzer Rehbock“ und neben der Ortsbezeichnung Rixförde ist auch das Datum 12. 8. 1894 festgehalten.

„Schwarzer Rehbock“ von Emil Zschimmer

Nach Loeseners Tod 1903 erwarb ein Ölspekulant das Gut, welches er aber nach erfolglosen Bohrungen bereits ein Jahr später wieder verkaufte.

Oskar Barckhausen als nächster Eigentümer vergrößerte den landwirtschaftlichen Betrieb und fuhr mit der Kultivierung der Gutsflächen fort. Aus seiner Zeit stammt auch das Teehaus.
Schließlich erwarb Willy Tischbein (Generaldirektor der Continental AG in Hannover) das Gut im Jahre 1916 und auch er setzte die Bautätigkeiten fort. So wurde noch ein Wirtschaftsgebäude errichtet und ein oktogonaler Anbau an das Gutshaus (1922).

Tischbein führte eine intensive Bewirtschaftung ein, legte sein Hauptaugenmerk aber auf die Jagd - was man noch heute in der Anlage der Wald- und Ackerflächen nachvollziehen kann. Nach Tischbeins Tod am 9. Februar 1946 führte seine Frau den Betrieb zunächst weiter. Mitte der 1950er Jahre waren auf dem Gut fast 50 Menschen beschäftigt. Später wurden die landwirtschaftlichen Flächen verpachtet.
Bis heute ist der Besitz in Händen der Nachkommen Tischbeins. Zur Geschichte der Familien Tischbein und Erdmann kann man übrigens hier sehr interessante Details erfahren.


Hier geht's zum Beitrag von Steffi und Steffen Barth zum Teehaus auf myheimat.

[Quellen: Cellesche Zeitung, A. Babel, 1.2.2006; „Baudenkmale in Niedersachsen“ Band 18.2; Wikipedia; Fotos (gekennzeichnet) von Steffi und Steffen Barth; weitere eigene Fotos, Fotos Teehaus: 11. Juli 2009; Fotos Eingang/Brücke: 22. November 2009; eigene Recherche]

Kommentare:

  1. Letztens erst wieder da gewesen.
    Gutshaus und Teehaus befinden sich in neuem Besitz und das Klaffende Loch im Dach des Teehauses, sowie einige Fenster sind bereits abgedeckt. Es geht also voran!

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